Mario Ohoven

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Gordischer Knoten

ErfolgDer Rettungsfonds ESM könnte bald selbst Hilfe benötigen. Denn das verfügbare Volumen schrumpft, gleichzeitig wächst die Verschuldung der Krisenländer. Das erhöht die Risiken für den Steuerzahler. Der gordische Knoten ließe sich dennoch zerschlagen.

Die Kanonen des Preußenkönigs Friedrich II. trugen die lateinische Aufschrift „Ultima ratio regis“, das letzte Mittel des Königs. Die ultimative Wunderwaffe der Euro-Verteidiger ist der Rettungsfonds ESM. Er soll die Eurozone durch Milliardenspritzen für systemrelevante Banken vor dem Kollaps bewahren.

Jetzt droht ihm selbst die Implosion. Denn der ESM verleiht angeschlagenen Kreditinstituten nicht nur Geld, er kauft sich de facto bei ihnen ein. Das Haftungsrisiko geht damit auf die Bürger von Euroland über. Wie hoch es tatsächlich ist, verrät die vertrauliche Risikobewertung durch die Ratingagenturen. Demnach muss der Rettungsfonds für einen ausgereichten Euro zwei Euro als Sicherheit zurücklegen. Im Falle der auf 60 Milliarden Euro begrenzten direkten Bankenhilfe reduziert sich folglich die Ausleihkapazität um insgesamt 180 Milliarden Euro. Das Gesamtvolumen des ESM von 500 Milliarden Euro schrumpft so auf 320 Milliarden Euro zusammen.

Dummerweise sind davon aber bereits 109 Milliarden Euro vergeben: Spanien wurden 100 Milliarden Euro zugesagt, Zypern darf auf neun Milliarden Euro hoffen. Dazu muss man wissen, dass die Banken allein in Griechenland auf 24 Prozent notleidender Kredite sitzen, in Spanien sind es elf Prozent, in Portugal zehn Prozent. Kurzum: Das Schwert, mit dem die Euro-Retter den gordischen Knoten durchschlagen wollten, erweist sich als stumpf.

Parallel dazu schreitet die Verschuldung der Krisenländer unaufhaltsam voran. Alles in allem haben die Notenbanken seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 ihre Bilanzsummen auf 20 Billionen Dollar aufgepumpt. Spitzenreiter der Schuldenrallye ist Griechenland mit einer Quote von aktuell 184 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – 2009 lag sie noch bei 138 Prozent. Italiens Schuldenberg wuchs im gleichen Zeitraum von 130 auf 144 Prozent des BIP. Portugals Quote kletterte von 94 auf 143 Prozent, Irlands Verschuldung stieg von 71 auf 129 Prozent des BIP.

Mit anderen Worten: Die Euro-Retter haben sich mit allen Krediten und Bürgschaften nur Zeit gekauft. Kaum war ein Rettungspaket geschnürt, wurden neue Milliardenspritzen benötigt. Auf Dauer werden selbst die bisher ausgezahlten 200 Milliarden Euro nicht reichen. Athen beispielsweise braucht einen zweiten Schuldenschnitt, schon das kostet uns mindestens 20 Milliarden Euro. Doch die Rechnung wird dem deutschen Steuerzahler aus naheliegenden Gründen erst nach der Bundestagswahl präsentiert.

Dazu scheint der Vorschlag des früheren EZB-Chefökonomen Jürgen Stark zu passen, Europa solle sich eine „Reflexionsphase“ von fünf Jahren gönnen. Aber eben nur scheinbar, denn der Finanzexperte spricht explizit die Exit-Strategie an. Am Ende könnte der Ausstieg einzelner Schwachländer aus dem Euro stehen. So würde der gordische Knoten zwar nicht durchschlagen, aber dennoch gelöst.