Mario Ohoven

Die Stimme des Mittelstands
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Mario Ohoven

Auf falschem Kurs

ErfolgHöhere Bildungsausgaben sollen Deutschland an die Spitze der Bildungsnationen zurückführen. Doch mit Milliardeninvestitionen allein ist das ehrgeizige Ziel nicht zu erreichen. Angesichts von Akademisierungswahn und Demografiedruck braucht es einen kompletten Kurswechsel in der Bildungspolitik. Bleibt alles beim alten, gehen uns die Fachkräfte aus.

 
Bildung gehört gerade im Wahlkampf zu den Lieblingsthemen der Politiker. Der edle Wettstreit, welche Partei am meisten für die Schulen und Hochschulen tut, reduziert sich in der Regel auf die simple Frage: Wer bietet mehr? Verlangen beispielsweise die Grünen zehn Milliarden Euro zusätzlich für die Sanierung der Schulen, legen die Liberalen noch eine Milliarde drauf. Da kann sich SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz natürlich nicht lumpenlassen und verspricht zwölf Milliarden Euro extra – nach dem Wahlsieg, versteht sich.

 
Sicher, solange mancherorts Schulgebäude verrotten und viele Klassenzimmer noch immer in der „Kreidezeit“ verharren, muss in die Ausstattung investiert werden. Mit Geld allein ist es jedoch im Bildungsbereich nicht getan. Entscheidend sind die richtigen Ziel- und Weichenstellungen im System. Nach dem Pisa-Schock im Jahr 2001 kannte die Bildungspolitik nur ein Ziel – mehr Abiturienten und mehr Hochschulabsolventen. Dass dies nur um den Preis einer Nivellierung des Niveaus zu erreichen war, ist evident. Gott hat nun einmal nicht nur Hochbegabte erschaffen.
Das eigentliche Problem liegt woanders. Die Fixierung auf Abitur und Diplom ging und geht einher mit einer Geringschätzung der beruflichen Bildung. Oder anders gesagt: der Abiturient ist alles, der Azubi gilt nichts. Allerdings nur im eigenen Land, denn das deutsche Modell der dualen Ausbildung ist längst zu einem weltweiten Exportschlager
geworden. Kein Wunder, dass immer mehr Schulabgänger ein Studium der Ausbildung vorziehen.

 
Zudem bekommen unsere Unternehmen die Folgen der demografischen Entwicklung zunehmend zu spüren. Derzeit gibt es über alle Lehrjahre hinweg 1,32 Millionen Azubis in Deutschland, ein Rekordtief. Zum Beginn des neuen Lehrjahrs am 1. September blieben 179.000 Lehrstellen unbesetzt. Inzwischen kann jeder dritte Betrieb seine Lehrstellen nicht mehr besetzen, jeder zehnte Firmenchef bekommt nicht einmal mehr eine Bewerbung.

 
Vielen Azubis mangelt es zudem an Flexibilität. Ihr Interesse konzentriert sich auf eine Handvoll Berufe. Ein Viertel aller in diesem Jahr neu abgeschlossenen Verträge entfällt auf fünf Ausbildungsgänge: Bei den männlichen Jugendlichen steht der Kraftfahrzeugmechatroniker in der Gunst ganz oben, bei den weiblichen Azubis die Kauffrau für Büromanagement. Auch die Mobilität der Lehrlinge lässt zu wünschen übrig. Während es in Süddeutschland deutlich mehr Plätze als Kandidaten gibt, ist es etwa in Berlin umgekehrt. Auf den naheliegenden Gedanken, die Ausbildung in einem anderen Bundesland zu absolvieren, kommen die unversorgten Bewerber offenbar nicht. Deutschland braucht heute dringender denn je einen radikalen Kurswechsel in der Bildungspolitik. An die Stelle einer falsch verstandenen Akademisierung muss die Rückbesinnung auf den Wert der praxisnahen dualen Ausbildung treten. Zudem gehört die föderale Zuständigkeit in der Bildung auf den Prüfstand. Mit der Schule von gestern werden wir in der (digitalen) Welt von morgen scheitern.